Forever Young - Les Amandiers

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Forumseintrag zu „Forever Young - Les Amandiers“ von Heidi@Home

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Heidi@Home (22.10.2022 19:03) Bewertung
Schauspiel(er) ohne Grenzen
Exklusiv für Uncut von der ViENNALE
Paris Mitte der 1980-er Jahre: Eine Gruppe junger Schauspielaspirant*innen hat die Aufnahmeprüfung an der als revolutionär geltenden Schauspielschule „Thèâtre des Amandiers“ bestanden und wird nun mit dem (realen) Regisseur Patrice Chéreau arbeiten. Chéreau inszeniert mit den zwölf Auserwählten Tschechows Stück „Platonow“, das dieser als Jugendlicher verfasst hat. Der Film begleitet die Studierenden bei der Probenarbeit und auch privat, vor dem Hintergrund der AIDS-Epidemie und dem Reaktorunfall von Tschernobyl.

Jungen Erwachsenen wohnt naturgemäß ein gewisses Streben nach Selbsterfahrung inne. Schauspielstudierende unterscheiden sich aber möglicherweise von Studenten anderer Disziplinen in der Art und Weise der Ausführung. Exzessive Selbstreflexion mündet nicht selten in ungehemmter Dar- und Bloßstellung, kein Risiko wird gescheut, keine Peinlichkeit ausgelassen. In „Les Amandiers“ ist man sich mitunter nicht ganz sicher, ob das Ganze (semi)dokumentarischen Charakter anstrebt oder ob es sich um eine Persiflage handelt, ob das Klischee hinterfragt oder bestätigt werden soll. Zu welchem Schluss man auch kommen mag, das Porträt dieser Kohorte wirkt nicht gewollt, ja gänzlich unangestrengt, was daran liegen mag, dass Regisseurin Valeria Bruni Tedeschi ihre eigenen Erinnerungen am „Thèâtre des Amandiers“ verarbeitet.

Die Figur der Stella (Nadia Tereszkiewicz) ist Bruni Tedeschi dann auch stark nachempfunden. Stella verliebt sich in den drogenabhängigen Etienne (Sofiane Bennace), der ihr weismacht, dass er jederzeit mit dem Heroin aufhören könne, wenn er nur wolle. Nur will er eben nicht. Tatsächlich bleibt Etienne erstaunlicherweise merkwürdig blass und eindimensional, in der ansonsten bunten Riege junger, neugieriger Menschen. Eine Riege, der beispielsweise auch die expressiv-frivole Adele (Clara Bretheau) angehört, sowie der draufgängerische Freigeist Franck (Noham Edje), der mit 19 Jahren bereits Vater wird oder die devote namenlose bleibende Kellnerin (Suzanne Lindon), die bei der Aufnahmeprüfung gescheitert ist und jetzt am Theater serviert, um doch irgendwie „dabei“ zu sein. Alle haben irgendwie „etwas“ miteinander, was genau, davon sieht man weniger als man denken könnte.

Stärker noch als beim Skizzieren dieser illustren Gruppe überzeugt Tedeschi aber, wenn sie die Probenarbeit Chéreaus (Louis Garrel) und dessen Co-Regisseur Pierre Romans (Micha Lescot) beleuchtet. Es ist faszinierend, wie er die Studierenden führt; alles andere als ein amikaler Förderer, geschweige denn moralische Instanz, steht Chéreau von Anfang an zu seinem diktatorischen Führungsstil. Demokratie, so sagt er, werden die junge Mimen bei ihm nicht finden, daran glaube er nicht. Ebenso wenig habe er Zeit oder Nerven dafür zu erklären, wieso jemand diese oder jene Rolle (nicht) bekomme. Und Wehleidigkeit verabscheue er ohnehin zutiefst. Als er aus einer Laune heraus beschließt, für die Vorstellung zwei Akte von „Platonow“ kurzerhand zu streichen und eine der Schauspielerinnen sich daraufhin beschwert, dass sie in den übrigen Akten aber nur Speisen serviere und keinerlei Text hätte, entgegnet er: „Musst du sprechen, um Schauspielen zu können?“ Ein anderes Mal betont er, Schauspiel rechfertige sich nur durch absolute Passion und Glaubwürdigkeit – ansonsten stehle man dem Publikum nur die Zeit, die es verwenden könnte, stattdessen Menschen aus dem wirklichen Leben zu beobachten.

„Les Amandiers“ ist „queer“ zu einer Zeit, als das Wort zumindest in unseren Breiten noch nicht benutzt wurde; und das ganz ohne dabei „woke“ zu sein. Existenzialismus wechselt sich mühelos mit Situationskomik ab. Erstaunlich ist der Look des Filmes, als Zuseher*in zweifelt man keine Sekunde daran, dass man sich mitten in den 1980er Jahren befindet und der Film auch exakt im Jahr 1986 gedreht wurde. Insgesamt ist „Les Amandiers“ weniger Persönlichkeitsanalyse als Stimmungsbild einer Zeit und eines Zeitgeistes – hervorragend besetzt mit zum Großteil für die Masse noch unbekannten Darsteller*innen.

Eine Empfehlung!
 
 

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