Mutzenbacher

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Forumseintrag zu „Mutzenbacher“ von markusdietl

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markusdietl (04.01.2023 17:50) Bewertung
Über Pornographie, Gewalt und die Grenzen von Fiktion
Eine Reihe unterschiedlicher Männer aus allen Altersklassen folgt einem Casting-Aufruf der Regisseurin Ruth Beckermann. Sie alle nehmen auf demselben Sofa Platz, wo sie mit Textstellen aus dem Buch „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne, von ihr selbst erzählt“ konfrontiert werden. Es handelt sich hierbei um ein berühmtes Werk pornographischer Literatur, das bereits mehr als hundert Jahre am Buckel hat und die sexuellen Erlebnisse einer Minderjährigen schildert.

So manche werden sich an dieser Stelle vielleicht schon fragen: Was treibt eine so renommierte Filmemacherin wie Ruth Beckermann dazu, ein so altes, sicherlich alles andere als unproblematisches Buch als Vorlage für ihren Film zu nutzen?
Zunächst muss man hier hervorheben, dass es sich um einen Roman und somit um Fiktion handelt, wie auch die Regisseurin selbst betont. Dass dem Werk aber nicht selten ein missbräuchlicher Charakter zugeschrieben wird, ist auch korrekt, berechtigt und mehr noch – wird sogar von den männlichen Protagonisten im Film thematisiert. Demnach sei die ständig betonte Lust von Josefine Mutzenbacher an all den sexuellen Handlungen eine, die sich viel mehr nach einer Männerfantasie, einem männlichen Wunschdenken anfühle. Dadurch öffnet sie womöglich Tür und Tor für reale Gewalt oder viel eher deren Normalisierung und Legitimation. In diesem Fall wäre Fiktion eben nicht einfach Fiktion, sondern hätte einen ganz konkreten und absehbaren Effekt auf die Realität.
Hierbei Bezüge zu unserem heutigen allgegenwärtigen Pornokonsum zu ziehen, liegt nicht fern – so spiegeln sich ja auch dort bekanntermaßen alle denkbaren Alters- und Verwandtschaftskonstellationen (seien diese auch nur fiktiv), Tabubrüche und Gewaltelemente wider. Ganz zu schweigen von der fehlenden Kontrolle über die Inhalte auf einschlägigen Portalen, die erst in den letzten Jahren vermehrt zum Thema gemacht wurde. An Kenntnissen über die Einwilligung, die Selbstbestimmung und die tatsächlichen Umstände, welche den Filmen zu Grunde liegen, mangelt es uns oft völlig. Im schlimmsten Fall findet man sich ungewollt bei dem Konsum von Darstellungen sexualisierter Gewalt wieder. Ob man nun bewusst oder unbewusst in dieser Position landet, macht für die Betroffenen dann vermutlich auch keinen allzu großen Unterschied mehr.
In einer Gesellschaft, in der Pornographie also in all ihren Ausprägungen und streitbaren Aspekten allgegenwärtig ist, zugleich aber wenig Austausch darüber statfindet, scheint die Relevanz von „Mutzenbacher“ zweifellos gegeben.

Bleibt die Frage, wie man sich so einem Stoff nun annähert. Die Ausführung wirkt hier teils recht verspielt und spontan. Die Männer vor der Kamera beteiligen sich an Rollenspielen, erzählen von persönlichen Erfahrungen, geraten in Diskussionen, stolpern und stammeln, reiben sich am Material, das ihnen vorgesetzt wird.
Doch Beckermann führt ihre Protagonisten keinesfalls vor, sondern begegnet ihnen stets mit Interesse, Aufgeschlossenheit und Einfühlsamkeit. Das Ergebnis ist manchmal berührend, zum Nachdenkend anregend und sorgt für schallendes Gelächter. Es mag irritieren oder beschämen, doch zeugt zugleich an jeder Stelle von dem Mut der Männer, die sich vor die Kamera wagen.
 
 

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