Verotika

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Forumseintrag zu „Verotika“ von Thorsten

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Thorsten (29.05.2020 22:12) Bewertung
Glenn Danzig adaptiert sich selbst und zelebriert dabei das europäische Exploitation-Kino
Eldritch Advice
Der Name Glenn Danzig dürfte insbesondere Rockmusik und Heavy-Metal-Fans ein Begriff sein, ist er doch ein Gründungsmitglied von legendären Acts wie „The Misfits“, „Samhain“ und „Danzig“. Weniger bekannt ist, dass er 1994 den Comicverlag „Verotik“ ins Leben rief. Dort schrieb er nicht nur Geschichten zu bekannten Frank-Frazetta-Gemälden wie „Death Dealer“ oder „Jaguar God“, sondern kreierte zudem eigene Charaktere wie „Morella“ oder „Drukija, Contessa of Blood“, denen er in seinem Regiedebüt „Verotika“ den Sprung auf die große Leinwand ermöglichte. Danzigs Episodenfilm debütierte im Juni 2019 auf dem „Cinepocalypse“ Filmfestival in Chicago, und ist mittlerweile aus dem englischsprachigen Raum für das Heimkino auf Blu-Ray und DVD beziehbar. In Österreich und Deutschland ist der Film auch als Video on Demand bei Amazon Prime erhältlich.

Die dämonische Morella hat viele Talente; dazu gehört nicht bloß der gnadenlose aber laszive Umgang mit ihren Opfern, sondern ebenfalls eine ausgesprochene Gastfreundlichkeit für ihr Publikum, für das sie stets eine oder auch mehrere spannende Geschichten bereit hält. Heute sind es deren drei. In „The Albino Spider of Dajette“ erzählt sie uns den tragischen Fall des Pariser Erotikmodels Dajette sowie des Monsters das erwacht wenn sie ihren Schlaf findet. In der zweiten Erzählung „Change of Face" begibt sich Sergeant Anders auf die Jagd nach einer mysteriösen Serienmörderin, die ihren Opfern das Gesicht raubt. Zu guter Letzt unterhält uns Morella mit der Legende von „Drukija, Contessa of Blood“, die das Rezept für die ewige Jugend in dem Blut von Jungfrauen zu finden glaubt.

Ich muss sagen … des einen Müll ist des anderen Schatz.

„Verotika“ entstand mit dem äußerst geringen Budget von etwa 1 Million Dollar und wurde daher zum größten Teil im Skid Row Stadtteil in Downtown Los Angeles gedreht. Trotzdem fühlt sich das Projekt sehr europäisch an. Dies liegt allerdings nicht daran, dass „The Albino Spider of Dajette“ theoretisch in Paris spielt, sondern vielmehr daran, dass Danzig ein großer Fan des europäischen Horrorkinos ist und niemand geringeren als Mario Bava als eine seiner Inspirationen für sein Erstlingswerk bezeichnet. Dennoch erinnert im Film selbst nur wenig an Bava, der mit diesem Budget wohl ein Werk geschaffen hätte, dem man seinen B-Movie Hintergrund nicht anmerken würde. Auch erzählerisch kann sich „Verotika“ nicht mit dem wohl talentiertesten Regisseur aller Zeiten messen. Vielmehr wirken der episodenhafte Erzählstil und die charmanten, aber offensichtlichen Spezialeffekte so, als kämen sie aus einer anderen europäischen Schule, nämlich jener einer wahren Legende des Erotik- und Horrorkinos, Jess Franco. Dies möchte ich als Kompliment verstanden wissen. Im Gegensatz zum Filmstil, muss man musikalisch nicht lange nach Inspirationen suchen, denn da bediente sich der Meister, unterstützt von Bands wie Ministry, Vile a Sin und Switchblade Symphony, seiner eigenen Diskografie und stellte ein metallisches Requiem für sein erotisches Blutfest zusammen.

Die Besetzung besteht primär aus weiblichen Schönheiten, von denen manche mehr und manche weniger mit schauspielerischen Talent gesegnet sind. Positiv sind hierbei auf jeden Fall Kayden Kross als die Horror-Hostess „Morella“ und Alice Tate als „Drukija“ zu erwähnen. Beide sind nicht bloß bildhübsch, sondern verfügen zudem über das nötige Charisma, um einen B-Movie das gewisse Etwas zu verleihen. Des weiteren befindet sich in der Episode „Change of Face“ ein Cameoauftritt von Sean Waltman, der als 1–2–3 Kid, Syxx und X-Pac für die größten Wrestling Promotions dieser Welt in den Ring stieg.

Ist dieser Film eines freitäglichen Filmabends würdig?

Die „progressive“ Kritik in den USA, verurteilte „Verotika“ als frauenfeindlich und führte den Film ohne Prozess auf das cineastische Blutgerüst. Etwas Wissen um die Filmgeschichte hätte ihnen allerdings die Tatsache offenbart, dass die weibliche Sexualität des europäischen Genrekinos, welches das ideologische Grundgerüst von Danzigs Schaffen bildet, durchaus feministisch geprägt war. Auch in „Verotika“ bildet die Weiblichkeit die treibende Kraft, und dies heißt nicht, dass es sich bei den Protagonistinnen um makellose Charaktere handelt, sondern vielmehr, dass diese in der Lage sind ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Freilich bedeutet dies nicht, dass dieser Film über jedwede Kritik erhaben ist. Wem die Erzählstruktur, Spezialeffekte oder andere künstlerische Aspekte nicht zusagen, kann aus diesen Kritikpunkten durchaus eine profunde Bewertung formen. Man sollte den Film allerdings nicht für etwas verurteilen was er nicht ist. Danzig hat mit seinem Debüt gezeigt, dass er kein Ausnahmeregisseur ist, aber durchaus über eine Vision und einen Sinn für Ästhetik verfügt, und dazu in der Lage ist diese Faktoren in 90 Minuten Film unterzubringen. „Verotika“ ist als Gesamtwerk betrachtet ein Episodenfilm mit Ecken und Kanten, und fühlt sich wie ein Relikt aus den Exploitation-Tagen des europäischen Kinos an. Es passiert nicht allzu oft, dass ein Künstler dazu in der Lage ist, seine eigenen Geschichten in ein anderes Medium zu adaptieren. Danzig hatte das Glück, drei seiner Comichefte kompromisslos auf Film zu verewigen. Ich fühlte mich dabei blendend unterhalten, und hoffe auf ein Wiedersehen mit „Morella“ & Co. „Verotika“ ist all jenen zu empfehlen, die ein Herz für Erotik, Splatter und Exploitation haben, und daher eines freitäglichen Filmabends würdig.

Einzelbewertungen der Episoden:
The Albino Spider of Dajette: 60 %
Change of Face: 65 %
Drukija, Contessa of Blood: 75 %
 
 

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