Waren einmal Revoluzzer

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Forumseintrag zu „Waren einmal Revoluzzer“ von deutobald

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deutobald (27.03.2020 20:57) Bewertung
„Wer mit 20 Jahren nicht Sozialist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“
Exklusiv für Uncut von der Diagonale
Ja, weil so ist das nämlich: wildes Rebellentum ist das Privileg der Jugend, im reiferen Alter aber hat man sich dann aber bittschön mit Ernst und Würde der Bürgerpflicht zu widmen. So in etwa würden das wohl alle unterschreiben (auch drüben im anderen Lager, dort gibt’s ja auch Jugendsünden und Lausbubenstreiche.)

Ob die im Zentrum der Geschichte von „Waren einmal Revoluzzer“ stehende Helene (Julia Jentsch) mit 20 rebellisch war erfährt man zwar nicht explizit, der Titel jedoch legt es nahe. Sie hat sich aber rechtzeitig zusammengerissen um sich eine Bilderbuchexistenz zu zimmern: mit 40 ist sie Richterin, hat zwei bildhübsche Töchter, einen fast noch hübscheren Gemahl Jakob (Manuel Rubey), allesamt wohnhaft in einer lichtdurchfluteten Riesenwohnung, die biedermeierliche Akademikerexistenz hat man jüngst durch den Kauf eines Hauses im Waldviertel abgerundet. Der Rest an libertärem Revoluzzertum der schon etwas zurückliegenden Jugend kristallisiert sich in der Musikerlaufbahn ihres liebenden Gatten – Stil: Singer-Songwriter. Der lebt somit stellvertretend den Traum den ursprünglich eh alle dieser Generation hatten, die meisten aber für ihre Karrieren aufgegeben haben. Als Hausmann einer Erfolgsfrau kann er sich das leisten.

Zufrieden ist Helene aber trotzdem nicht. So kommt ihr die Gelegenheit ihren in politische Schwierigkeiten geratenen Ex-Freund Pavel (Tambet Tuisk) in Moskau zu unterstützen gerade recht. Ihr als Bote benutzter Freund Volker (Marcel Mohab) – ebenfalls arriviert, Psychoanalytiker – tut ihr den Gefallen erst nur sehr ungern, legt aber vom Wodka in der Moskauer Dissidenten-WG angespornt noch eins drauf: warum nicht gleich Nägel mit Köpfen, Helene wir holen den Pavel da raus! Endlich etwas tun, endlich die Welt selbst ein bisschen besser machen, anstatt immer nur beim Rotwein Mitleid mit den Geknechteten dieser Welt haben!

Dumm nur dass der Gerettete sich als wesentlich lebendiger und herausfordernder herausstellt als erwartet. So kommt Pavel nicht alleine, sondern mit Gefährtin Eugenia (Lena Tronina) und dem gemeinsamen Baby an. Wie sich herausstellt steckt Eugenia, eine rebellische Kämpfernatur, sogar in noch größeren Schwierigkeiten und wird mittlerweile per internationalem Haftbefehl gesucht. Nicht auszudenken was es für Helenes Karriere bedeutet, wenn sie mit einer solchen Person in Verbindung gebracht wird. Und so beginnt man die unerwünschten Gäste herumzuschieben, von dieser Bobo-Wohnung in jene und schließlich ins Haus im Waldviertel wo der ahnungslose Jakob sich gerade mühsam sein nächstes Album aus den Fingern saugt. Soweit die erzählerische Basis des Films von er aus es nun so richtig mit dem eigentlichen Thema losgeht: zahlreich sind die Turbulenzen und Gräben die aufbrechen. Alle Beteiligten sind gezwungen Stellung beziehen, auch jene die eigentlich nur ungestört ihr Leben leben wollten.

Fünf Jahre nach ihrem ersten großen Langfilmerfolg mit „High Performance“ gibt es nun endlich Neues von Johanna Moder. Und obwohl, natürlich, Geschichten und Figuren völlig neu sind, fühlt sich der Film ein wenig wie eine Fortsetzung an. Und zwar im besten Sinne. Johanna Moder arbeitet wieder mit Manuel Rubey und Marcel Mohab zusammen die schon in „High Performance“ als ein ungleiches Brüderpaar brillierten. Verwechslungen können trotzdem nicht passieren. Mohab der damals noch den rennradelnden Hipster gab, ist nun der spießig gewordene Psychologe, Rubey gibt diesmal einen modernen Hausmann und zerrupften Musiker mit Sinnkrise. Auch am Drehbuch waren die beiden beteiligt und auch sonst entdeckt man im Abspann einige schon bekannte Namen wieder. Aber wie gesagt: alles andere als ein Neuaufguss oder schon gar ein Sequel. Die Künstler und auch ihre Figuren sind 5 Jahre älter geworden, die Kinder werden langsam groß, der Platz in der Gesellschaft beim einen endlich stabil, beim anderen schon wieder in Frage gestellt und vor allem eines haben alle unausgesprochener Weise in der Zwischenzeit erlebt: die Flüchtlingskrise 2015.

Und so wie das Leben da draussen ist auch der Film von 2020 nimmer ganz so lustig, wie das noch unbeschwertere Erstlingswerk. Älter sind wir geworden und ernster, aber vor allem ängstlicher. Macht Teilen und Öffnen tatsächlich reicher? Nur wer ohnehin nicht viel zu verlieren hat wagt wohl das herauszufinden. Obs ein Happy End gibt lass ich mal dahin gestellt. Hoffnung gibt’s jedenfalls.

Johanna Moder hat für ihre Geschichte ein Drehbuch geschrieben, das vor Geschmeidigkeit nur so funkelt. Keine Nebenhandlung zuviel, keine Verkürzung zu knapp, glaubwürdige Dialoge, die im Zuseher genau genug Erinnerung ans echte Leben wachrufen um mitgerissen zu werden. Aber auch ohne Worte funktioniert das: als man den erwartungslosen Volker mit der Kamera durchs Moskauer U-Bahnsystem begleitet wie er vom Mittelsmann Pavels in die konspirative Wohnung gelotst wird klopft einem mit jeder Sekunde die der Spießrutenlauf dauert das Herzerl lauter in der Zuschauerbrust: Mensch, da geht’s jetzt wirklich um was!

Ja und dann der kleine feine Nebenstrang in dem Josef Hader als weiser Vater des zappeligen Volker zu Wort kommt. Quasi der Zen-Mönch am unteren Lauf des Lebensflusses, ein Gegenpol zu den ständig mit sich hadernden Männern der Söhne-Generation, die es einfach nicht schaffen zur ersehnten Ruhe zu kommen. Und wenn sie sich noch so viele Ruhezonen in ihren wohldesignten Wohnungen aufmauern.

Auch wenn der Film voll und ganz ein Kind seiner Zeit zu sein scheint, behandelt er zeitlose Gesellschaftsmechanismen und Emotionen. Wie wirklichkeitsnah und gültig Moders Portraits sind, erlebt man auf schaurige Weise gerade jetzt wo wir alle wegen „Corona“ Däumchen drehen und „Leben retten indem wir daheim bleiben“. Manche sind vielleicht insgeheim dankbar, dass sie ihre Schuldigkeit mit täglichem Applaus vom Fenster aus tun können oder indem sie der greisen Nachbarin anbieten was vom Supermarkt mitbringen, weil sie ja ohnehin gehen. Das ist leicht erkaufter Seelenfrieden, da schläft man natürlich weit besser als mit der Frage ob man nicht nach Lesbos in eines der unmenschlich überfüllten Flüchtlingslager fahren sollte um dort weit Hilfloseren Gutes zu tun. „Wollen tun wir ja eh, aber…“.

„Waren einmal Revoluzzer“ hat schon jetzt Preise eingefahren, aber die bisherigen waren wohl nur der Anfang. Dass „Corona“ nun nicht nur die Aufführung bei der Diagonale, sondern gleich den geplanten Kinostart vermiest hat, ist ein Jammer. Macht aber nix. Zeitlos, wie gesagt. Den Film können Sie also auch im Herbst auch noch gut anschauen. Sollten Sie.
 
 

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