Die Kinder der Toten

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Forumseintrag zu „Die Kinder der Toten“ von theuncannygirl

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theuncannygirl (15.04.2019 23:13) Bewertung
Die Kinder der Toten und ihre Leichen im Keller
Exklusiv für Uncut von der Diagonale
Der von Kelly Copper und Pavol Liška inszenierte Film „Die Kinder der Toten“ basiert auf den gleichnamigen 1995 erschienenen Roman der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek. Als ich von dem Film zum ersten Mal hörte, packte mich die Neugier, denn ich wusste nicht so recht, was ich von einem Film erwarten konnte, der die verschiedensten Genres umfasst (hauptsächlich Horror) und dabei einen politischen Kommentar zur Vergangenheit und Gegenwart Österreichs abgibt.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang in einem ländlichen Gasthaus in Österreich, das mit einem Sammelsurium an Charakteren gefüllt ist. So etwa eine strenge Mutter, ihre über die Maßen hinaus befangene Tochter, ein älteres Paar das nicht voneinander ablassen kann und ein junges eher schüchternes Pärchen. Die ländliche Idylle wird von einem tragischen Unfall gestört als viele dieser Charaktere einem betrunkenen Autofahrer zum Opfer fallen. Allerdings halten die Toten so gar nichts davon tot zu bleiben und kehren nach und nach als Zombies wieder.

Das Format und die körnige Visualisierung dieses Film sind ein Produkt der künstlerischen Entscheidung mit einer Super-8-Kamera zu drehen. Dadurch vermittelt „Die Kinder der Toten“ sowohl eine Illusion von Nostalgie und Heimeligkeit als auch ein Gefühl der Abgeschiedenheit. All dies wird dadurch unterstützt, dass sämtliche Dialoge, einem Stummfilm nicht unähnlich, auf die Leinwand transkribiert werden. Doch dies ist nicht das einzige Klangexperiment in dieser Produktion. So spielt man ebenfalls mit der Intensität der Geräusche, die mal mehr und mal weniger in den Vorder- oder Hintergrund gedrängt werden.

Das zentrale Motiv ist die Dualität zwischen Täter und Opfer, Tradition und Moderne sowie Vergangenheit und Gegenwart. Begegnungen, die entweder in einer Konfrontation, Flucht, Leugnung oder Akzeptanz enden. Der beworbene Konflikt zwischen Österreichs Nazivergangenheit und deren noch heute sicht- und fühlbarer Schatten, wird dabei allerdings nur mit Zurückhaltung behandelt und wirkt mehr wie ein Nebengedanke.

„Die Kinder der Toten“ hat einige lichte Momente, insbesondere hinsichtlich der Verwendung von Situationskomik, so etwa wenn es um syrische Poeten und österreichische Eigenheiten geht. Ein weiteres Highlight ist die wohl langsamste Verfolgungsjagd in der Geschichte des Films. Obwohl der Film in seiner humorvollen Darstellung des Migrationsdiskurses punkten kann, erreicht er nicht wirklich sein Potential und so wirkt das Gezeigte doch eher bruchstückhaft und somit unfertig.

Egal ob Copper und Liška in Zukunft weiter zusammen arbeiten oder getrennte Wege gehen, hoffe ich, dass sie in Zukunft noch mutiger und ungehemmter an ihre Filme herangehen. Ihre Leidenschaft für die Thematik ist in „Die Kinder der Toten“ klar ersichtlich, ebenso klar zu sehen ist jedoch auch, dass sie mit der Produktion doch etwas überfordert waren. So haben wir es hier mit einem Erstlingswerk zu tun, dem es trotz einer guten Kameraarbeit, talentierten Schauspielern, witzigen Dialogen und einer interessanten Location, an einer eigenen Identität mangelt.

„Die Kinder der Toten“ erinnert mich in seiner Umsetzung etwas an „The Void“ (2016), ebenfalls ein Horrorfilm mit einer interessanten Prämisse, der daran krankt ein unausgewogenes Erstlingswerk zu sein, aber gleichsam, durch das klar ersichtliche Talent des Produktionsteams, auch ein Versprechen für die Zukunft ist.

Als sehr interessant erachte ich, wie das Regisseur-Duo ihren Film selbst beschreibt:

„Österreichische Weltliteratur trifft amerikanische B-Pictures? ... Für uns klang das verführerisch. Ziemlich schnell wussten wir, dass das unser Ausgangspunkt sein müsste - irgendwo zwischen Horror und Heimat. In unserer Version von DIE KINDER DER TOTEN ist Film ebenso ein Protagonist wie ein Medium, durch das die Toten ins Leben zurückkehren. Im Französischen nennt man eine Filmvorführung 'séance' - das ist auch das Wort für die Beschwörung der Toten, und so muss es auch auf Leute gewirkt haben, die zum ersten Mal mit Laufbildern und Lichtspielen konfrontiert waren. Pure Magie.“
Kelly Copper, Pavol Liška - Nature Theater of Oklahoma

Ich gehe soweit zu behaupten, dass das finale Werk etwa 65 % von dieser Beschreibung erreichte - nicht genug um ein durchwegs unterhaltsamer B-Horrorfilm zu sein. Es mag zwar paradox klingen, aber auch selbst ein konstruktivistischer Experimentalfilm benötigt einen klaren Fokus, der hier nicht wirklich ersichtlich ist. Das Produktionsteam war offensichtlich von der literarischen Vorlage betört, die sich mit zeitgenössischen Themen wie Migration und Nazismus beschäftigt, bei der Umsetzung dieser fokussierte man sich allerdings zu sehr auf Kinematografie und somit wirkt der fertige Film wie eine Zusammensetzung von Bruchstücken, aber zu keinem Zeitpunkt wie ein einheitliches Ganzes.
 
 

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