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Forumseintrag zu „Wir“ von chrosTV

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chrosTV (22.03.2019 19:56) Bewertung
Brillanter Home-Invasion-Horror der etwas anderen Art
Exklusiv für Uncut
Vor ziemlich genau zwei Jahren ereignete sich eine kleine Sensation innerhalb der Welt des Horrorfilms. Jordan Peele, ursprünglich bekannt als Teil des populären US-Comedy-Duos Key & Peele, lieferte mit dem Horrorthriller „Get Out“ ein beachtliches Regiedebüt ab, das sich in kürzester Zeit wie ein Lauffeuer verbreitete und zum weltweiten Überraschungserfolg wurde. Peele vermischte in seinem Debütfilm klassische Elemente des Horror- und Slasherfilms mit einem ausgefeilten Plot voller bissiger Sozialsatire und wurde dafür mit Lobpreisungen seitens Kritikern wie auch mit einem fürs Genre überraschenden Preisregen (unter anderem auch den Oscar fürs „Beste Originaldrehbuch“) überschüttet.

Umso gespannter war die Filmwelt natürlich auf Peeles Folgewerk, das unter dem Titel „Us“ (bei uns: „Wir“) nun seinen Einzug in die weltweiten Kinos findet. Sein zweite Regiearbeit dreht sich um die Familie Wilson bestehend aus den Eltern Adelaide (Lupita Nyong'o) und Gabe (Winston Duke) sowie deren Kindern Jason (Evan Alex) und Zora (Shahadi Wright Joseph). Um dem drögen Alltag zu entfliehen, unternehmen die vier einen Ausflug zum Strand und verweilen dort in einem Ferienhaus. Eines Abends steht plötzlich eine unheimliche rot bekleidete und mit Scheren bewaffnete Familie in ihrer Einfahrt, die sich bei näherer Betrachtung als bösartige Doppelgänger der Wilsons entpuppen. Die Familie Wilson bekommt es also mit den seelenlosen Ebenbildern ihrer selbst zu tun und muss so schnell wie möglich einen Weg finden ihre bösen Kopien auszuschalten, bevor sie selbst dran glauben müssen.

Nach dem mehr als vielversprechenden Promomaterial zum Film, das in den letzten Monaten im Netz verstreut wurde, waren die Erwartungen natürlich hoch, die potentielle Fallhöhe aber dadurch umso höher. Glücklicherweise hat es Peele tatsächlich auf die Reihe bekommen, die gigantische Erwartungshaltung an sein zweites Werk zu erfüllen. Ihm ist einmal mehr ein astrein inszenierter und von beklemmender Spannung durchzogener Horrorthriller gelungen, der abermals mit einer soziopolitischen Note garniert wurde. Wie bereits bei Peeles furiosem Vorgängerfilm ist es besser im Vorhinein so wenig wie nur möglich über den Plot zu wissen, denn auch hier wird man mit einigen Überraschungen konfrontiert werden.

Auf inszenatorischer Ebene beweist Peele wieder meisterhaftes Gespür für den audiovisuellen Aufbau von Szenen. Bereits in der famosen Eröffnungssequenz wird mithilfe eines unheimlichen Sounddesigns und den (alb-)traumhaft schönen und in Blautönen getränkten Aufnahmen von Kameramann Mike Gioulakis (u. A.: „It Follows“) ein Gefühl von Beklemmung erzeugt, das den Ton für den nachfolgenden Film perfekt setzt. Vor allem in Szenen mit räumlicher Limitierung schafft es Peele durch die technische Finesse ein nervenzerfetzendes Gefühl der Klaustrophobie zu kreieren, das sich kaum durch billige Jumpscares, sondern primär mithilfe von fein exerzierter Suspense breitmacht. Der beeindruckendste Faktor auf technischer Ebene dürfte jedoch wohl der sensationelle Ton sein. Der Score bzw. das Sounddesign von Michael Abels, der bereits die Musik zu „Get Out“ beisteuerte, spielt eine essentielle Rolle im Spannungsaufbau der Horrormomente. Hinzu kommt der generell zu jeder Zeit harmonische Einsatz von Musik im Film. So werden auch bekannte Stücke der Musikgeschichte tadellos in die Geschehnisse des Films eingefädelt. Neben der bereits im Trailer angeteaserten Neuversion des Hip-Hop-Klassikers „I Got 5 On You“, gibt es in einer unfassbar nervenaufreibenden wie auch zeitgleich unterhaltsamen Szene zum Beispiel auch „Good Vibrations“ von den Beach Boys zu hören. Es sei gesagt: Nach Sehen des Films wird man den Pop-Klassiker wohl nie wieder auf dieselbe Art und Weise hören können.

Allgemein lässt sich sagen, dass Peele auch in seinem Zweitwerk hier und da wieder seine Ursprünge als Comedian durchblitzen lässt ohne dabei jedoch für zu gewaltige tonale Sprünge zu sorgen und die Geschehnisse ins Lächerliche zu ziehen.

Ein weiterer Faktor, der den Film so gut funktionieren lässt, sind die beachtlichen Schauspielleistungen. Obwohl der gesamte Cast zu überzeugen weiß, läuft besonders eine Darstellerin zur sensationellen Höchstform auf: Lupita Nyong'o. Die Oscar-Preisträgerin („12 Years A Slave“), der mit Abstand die meiste Zeit im Film gewidmet wird, glänzt in ihrer Doppelrolle als Adelaide und ihren bösen Doppelgänger Red, und schafft es dabei mit einem beeindruckenden Gespür für Körperlichkeit und einer unheimlich ausdrucksstarken Mimik zwei völlig unterschiedliche Figuren zu kreieren. In einer fairen Welt sollte Nyong'o im nächsten Jahr auf ihren zweiten Oscar hoffen dürfen. Ebenfalls großartig in Nebenrollen: „The Handmaids Tale“-Star Elizabeth Moss und Comedian Tim Heidecker als das karikierte Ebenbild eines vermeintlich perfekten weißen Wohlstand-Ehepaars.

Story-technisch kann an dieser Stelle kaum etwas verraten werden, da Peele völlig in sein „Twilight Zone“-artiges Konzept eintaucht und jedes preisgegebene Detail leicht zum Spoiler verkommen könnte. Es sei jedenfalls gesagt, dass die allgemeine politische Botschaft um einiges vager und offener ist als noch in „Get Out“. Dadurch wird dem Zuschauer ein Spielraum für Interpretation gegeben, der Leuten, die ihre Filme gern völlig aus erzählt und ihre Botschaften klar erkennbar haben möchten, nicht zwingend schmecken wird. Genau aber dieser analytische Freiraum ist einer der Gründe, weshalb Peeles zweites Werk als Filmemacher Cineasten aus aller Welt noch lange Zeit beschäftigen wird. Wollte Peele der gesellschaftspolitisch gespaltenen (US-)Bevölkerung den Spiegel vorhalten und zeigen, dass jeder von uns seine bösen Dämonen in sich trägt, mag er/sie sich noch so scheinheilig moralisch überlegen fühlen? Soll der Film eine Allegorie auf den niemals enden wollenden Klassenkampf zwischen arm und reich darstellen? Oder soll der Film zu Zeiten der Trump-Ära ein politischer Weckruf sein, um gegen die Unterdrückung der durch das jetzige politische Klima marginalisierten Bürger aktiv zu werden? Die möglichen Interpretationsansätze sind unendlich - und das ist auch gut so.

Anders wie bei Peeles Vorgängerfilm gibt es bei „Us“ gewisse Entscheidungen, die bestimmt nicht für jeden Zuschauer aufgehen werden. Wer jedoch gewisse Geschehnisse auf der Story-Ebene nicht die ganze Zeit auf rein oberflächlicher Ebene betrachtet und in Jordan Peeles surreal schönen Albtraum regelrecht eintauchen kann, wird mit einem virtuos inszenierten Horrorthriller voller grandios aufgebauter Spannungsmomente, einer unheimlich effektiven Geräuschkulisse, sensationellen Schauspielleistungen und reichlich Symbolismus belohnt werden.

Ein phänomenales Zweitwerk, das bestimmt noch für viel Gesprächsstoff sorgen wird!
 
 

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