I, Olga Hepnarová

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Forumseintrag zu „I, Olga Hepnarová“ von LucyVonTrier

Cannes_40
LucyVonTrier (13.02.2016 22:38) Bewertung
Queerness in der Rolle einer Alleingängerin
Exklusiv für Uncut von der Berlinale 2016
Dieses Mädchen hat eine Entscheidung getroffen. Schon vom ersten Moment an, da sie die Augen öffnet, rebelliert sie gegen den Willen anderer. Wir sehen Olga Hepnarova (großartig gespielt von Michalina Olszanska) trotzig im Bett liegen bleiben, als ihre Mutter sie dazu auffordert, aufzustehen. Das kommt in den besten Familien vor - dass sie jedoch schon einen gescheiterten Selbstmordversuch hinter sich hat, zeigt, wie labil ihre Bindung zum Leben ist. Eine Wand aus Rauch und unwiderstehliche Augen dahinter.

Geredet wird nicht viel, Olga hat manchmal Tage, an denen sie einfach gar nichts sagt. Auch nicht „Hallo“ zu Bekannten – das ist nun mal einfach nicht ihre Art. „Ich bin zwar ein Psychopathin, aber eine Erleuchtete“ behauptet sie über sich selbst. So spricht sie in Briefen erstaunlich reflektiert von ihrem Zustand, wobei sie die Welt verachtet und auch sich selbst wenig Wert einzugestehen scheint. Ihre Sicht des Lebens (wenn man es überhaupt Leben nennen kann) findet sie in den Büchern von Sartre wieder, bei dem sie als Weltfremde genau richtig ist. Zu dieser Person ist sie erst durch all die Verachtung, die ihr entgegengebracht wurde, geworden. Sie hat eigentlich nie etwas besonders Falsches gemacht – sie wurde einfach immer von ihren Mitmenschen als Prügelknabe ausgewählt. Das Wort „Prügelknabe“ hat das Drehbuch aus dem Deutschen direkt übernommen, als beste Definition dessen, was Olga durchmachen muss.

Trotzdem hat ihr Charakter eine sehr dunkle, geradezu böse Ausstrahlung. Michalina Olszanska musste hierfür „all ihre Dämonen herausholen“, wie sie selber zugibt. Wofür sie nicht viel üben musste, war das Rauchen: Sowohl die Olga, auf der die Geschichte beruht, als auch ihre Darstellerin sind nämlich starke Raucherinnen. Eiskalte Abgrenzung wechselt sich mit seltener, aber berührender Leidenschaft ab. Das so ernste Gesicht wird nur selten zum Lächeln gebracht; ein Lachen entlockt ihr nur ihre Geliebte, von der sie kurz später auch erniedrigt und verlassen wird.

Petr Kazda und Thomas Weinreb entwickelten das Drehbuch nach einer historisch festgehaltenen Begebenheit: Die Erhängung der letzen Frau in Tschechien, die 1973 zur Todesstrafe verurteilt wurde. Ausführliche Recherchearbeit für den Film ergab auch schon eine Dokumentation namens „Everything is Crap“. Bei ihrem Regiedebüt arbeiteten die Freunde, die zu einem Regieteam wurden, mit dem erfahrenen Kameramann Adam Sikora zusammen. Das führte zwar teils zu Autoritätsproblemen, doch davon merkt man nichts in den sehr ruhigen, reifen und monochromen Bildern. Das Leuchten der Haut oder der Autoscheinwerfer nachts trifft auf die Schatten der Augen, erfüllt mit Sorgen. Die Dunkelheit der hohen Türen in der bedrängenden Elternwohnung folgt auf die Helligkeit der langen Gänge im Krankenhaus. Hell und Dunkel ist ein wichtiges Stilmittel in Schwarzweißfilmen und die Kontraste wurden hier ausgiebig visuell gestaltet und wie ein Gourmetgericht serviert. Der Kontrast steht auch für Gut und Böse, zwei Extreme, zwischen denen Olga steht. Auf der Ebene des Schnitts und des Sounddesigns überrascht das Werk immer wieder mit harten Schnitten, die das Publikum schlicht und erbarmungslos von einem zum nächsten Setting bringen. Schlicht ist der Film auch aufgrund der ausbleibenden Filmmusik, womit er mich fast an einen Dogma-Film erinnerte. Und Dogma-Filme haben mich stets tief berührt, so wie auch dieser Film.
 
 

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