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König der letzten Tage

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Forumseintrag zu „König der letzten Tage“ von Thorsten

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Thorsten (15.12.2017 17:30) Bewertung
Großes Kino auf dem kleinen Bildschirm
Eldritch Advice
Das bis 1535 eineinhalb Jahre währende „Täuferreich von Münster“ war nicht nur eine interessante, blutige sondern darüber hinaus ebenfalls eine äußerst skurrile Episode aus der Zeit der Reformation. Todesurteile, Polygamie und die Ausrufung Münsters als neues Jerusalem; das Täuferreich war selbst in einer turbulenten Zeit eine Sondererscheinung. Ein Stoff wie geschaffen für künstlerische Auseinandersetzungen. Eine davon war „Der König der letzten Tage: Die exemplarische und grauenvolle Geschichte der Wiedertäufer zu Münster 1534-1535“, ein 1985 erschienener historischer Roman der französischen Schriftsteller Pierre Barret und Jean-Noël Gurgand. Diesen Titel nahmen sich die Öffentlich-rechtlichen als Vorbild für ihren 1993 im ZDF ausgestrahlten, von Tom Toelle inszenierten, zwölf Millionen D-Mark teuren sowie prestigeträchtigen Historien-Zweiteiler „König der letzten Tage“.

1534 zieht es den charismatischen Wiedertäufer Jan van Leyden nach Münster. Dort stößt er mit seinen Predigten auf offene Ohren. Sein flamboyantes Auftreten und seine Botschaft zur Wiederkehr Christi und Rettung der Seelen vor dem Jüngsten Gericht bringen mehr und mehr Katholiken auf seine Seite. Franz von Waldeck, der Fürstbischof von Münster, muss schockiert erkennen, dass seine Stadt eine Hochburg der Täuferbewegung geworden ist. Er beginnt eine Armee um sich zu scharren um Münster wieder unter katholische Herrschaft zu bringen. Währenddessen erreicht der reisende Gaukler Sebastian die Stadt, in der Hoffnung sich mit seinen Künsten seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Als er Jan van Leyden bei der Predigt sieht erkennt er, dass es sich bei diesem heiligen Mann um seinen alten Weggefährten und ehemaligen Bordellbesitzer Jan Bokelson handelt.

Ich muss sagen … ein wahrhaft spektakulärer Film!

So wie die meisten historischen Filmproduktionen benutzt auch „König der letzten Tage“ die historische Rahmenhandlung lediglich dazu, um eine Geschichte zu erzählen und stellt damit auch keinen Anspruch auf Authentizität. Toelles Ziel war es vielmehr zu zeigen, wie falsche Propheten in Zeiten der Ungewissheit die Not der Menschen für ihre eigenen Ziele missbrauchen. Das Münster der Jahre 1534 und 1535 wird uns als Stadt präsentiert in der Jan van Leyden seine Gefolgsleute davon überzeugt, dass sie mit ihm vor der nahenden Endzeit geschützt und ein Teil des neuen Jerusalems sind. Diese Stimmung wird durch die grandiosen Kostüme und Handlungsorte perfekt in Szene gesetzt. Gedreht wurde sowohl in Teilen Tschechiens als auch im Studio, wo historische Teile der Stadt Münster in mühevoller Arbeit rekonstruiert wurden. Dabei wirken die Sets täuschend real und lassen sich kaum von den Aufnahmen außerhalb des Studios unterscheiden. Das Dargebotene übersteigt die Qualität von üblichen TV-Produktion und hätte sich einen Kinostart verdient. Einen großen Anteil an dieser gelungenen Präsentation hat der phantastische Score von Wojciech Kilar. Die ekstatische Stimmung zwischen Euphorie und Endzeit wird in seiner Komposition in Perfektion darstellt. Obwohl Kilar primär für seine Arbeit an Filmen wie „Bram Stoker’s Dracula“ oder „Die neun Pforten“ bekannt ist, stellt sein Soundtrack zu „König der letzten Tage“ meiner Meinung nach sein absolutes Meisterwerk dar.

Man kann einen deutschsprachigen Film nicht besser besetzen. Mit Mario Adorf und Christoph Waltz wirken zwei der talentiertesten Schauspieler dieses Sprachraums an dieser Produktion mit. Waltz spielt die Rolle des Jan van Leyden mit gewohnter Leidenschaft und Vollendung. Seine markante Stimme und sein charismatisches Auftreten machen seine Darstellung als Menschenfänger für das Publikum greifbar sowie glaubhaft. Ihm gegenüber steht Adorf als Fürstbischof Franz von Waldeck, ebenfalls ein Meister der Rhetorik und des Machtspiels. Der Kampf der beiden Verführer findet zwar hauptsächlich über eine große Distanz statt, ist dafür aber umso inniger. Als moralischer Kompass dient uns dabei der, von Otto Kukla dargestellte, Gaukler Sebastian. Kuklas Charakter sorgt dafür, dass die Zuseher sich im Kampf der Religionen nicht verlieren und einen Anker haben. Eine Aufgabe die er mit Bravour erledigt.

Ist dieser Film eines freitäglichen Filmabends würdig?

Es fällt mir schwer Schwachstellen an dieser nahezu makellosen Produktion zu orten. Mit einer Laufzeit von etwa 200 Minuten könnten manche der Meinung sein, dass der Film zu lange ist; ich kann daran allerdings nicht aussetzten. Zu keiner Zeit fühlt es sich so an als hätte man „König der letzten Tage“ künstlich in die Länge gezogen. Jede Szene dient der Geschichte und es ist ein Genuss die grandios dargestellten Charakter über die volle Laufzeit zu begleiten. Viele kritisieren dieses Werk dafür, dass es eine sehr freie Adaption der historischen Quellen ist, vergessen dabei aber, dass eine historische Adaptation nicht dazu gedacht ist uns geschichtlich weiterzubilden, sondern primär um uns zu unterhalten. Ein Historienfilm ist stets eine fiktionale Geschichte die in einer subjektiv interpretierten historischen Epoche spielt.

Tom Toelle hat sich mit dieser Produktion selbst übertroffen. Sie ist in allen Bereichen fabelhaft und verführt mich trotz ihrer Länge immer wieder dazu die DVD einzulegen und in diese Interpretation des Münsters von 1534-35 einzutauchen. Es ist ein regelrechtes Vergnügen Christoph Waltz und Mario Adorf in ihrer Blüte bestaunen zu dürfen. Insbesondere wenn dieser „Schauspieler-Wettstreit“ in einem Werk stattfindet, das den Rahmen einer TV-Produktion sprengt und sich einen Kinostart verdient hätte. „König der letzten Tage“ ist ein Meisterwerk, eines das es sich auch heute noch lohnt neu- oder wiederzuentdecken und daher eines freitäglichen Filmabends mehr als nur würdig!

Habt ihr Interesse an Horror und Trashfilmen sowie anderer cineastischer Kleinodien, empfehle ich euch meinen englischsprachigen YouTube Channel zu besuchen. Dort bespreche ich mindestens einmal wöchentlich ein Filmjuwel aus meiner Sammlung:
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