|
Kobergs Klarsicht: Überseehen

Wenn Amerikaner mögen, was Europäer drehen, drehen sie es nach.
Beim Abendessen hat er es mir damals erklärt, ein bereits ergrauter Techniker aus dem Umland von Denver, Colorado: Es waren nicht die klügsten Europäer, die als erste die neue Welt besiedelten. Vielmehr waren es die, die man in Good Old Europe nicht mehr haben wollte. Und wenn nun einer der Nachkommenden Siedler ihnen etwas zeigte, was sie noch nicht kannten – beispielsweise eine Pizza – so waren sie der Meinung, er, der Neue, habe das erfunden.
Über Generationen und Jahrhunderte hinweg hat dieser kleiner Denkfehler den US-Amerikanern enormes Selbstbewusstsein beschert und auch die tiefe Überzeugung, der Ursprung allen Fortschrittes zu sein. Und auch wenn die Gebrüder Lumière nachweislich keine Amerikaner waren, gilt all das in besonderem Maß für das Kino: Der amerikanische Film liebt und feiert sich selbst. Und die Bereitschaft, ab und an über den Tellerrand hinauszuschauen, ist kaum existent.
Sie ist sogar derart minimal, dass sich Michael Haneke gezwungen sah, „Funny Games“, der 1997 in Europa erschien, zehn Jahre später für das US-Publikum als „Funny Games U.S.“ neu zu verfilmen. Nicht, um ihn auf irgendeine Weise zu überarbeiten – bescheiden wie er ist, sah Haneke nach eigenen Angaben keinen Grund, etwas Perfektes zu verändern – sondern lediglich um exakt denselben Film mit amerikanischen Darstellern auszustatten. Sonst hätte man ihn sich jenseits des großen Wassers ja nicht angesehen.
Und nun kommt hierzulande ein Film in die Kinos, der ebenfalls seltsam bekannt erscheint. „Verblendung“ war schon gut, als er zum ersten Mal, damals aus Deutschland, Schweden und Dänemark, in Österreich anlief. Und nun hat sich kein geringerer als David Fincher der Sache angenommen, um mit „Verblendung“ einen erstaunlich ähnlich anmutenden Film mit US-Darstellern auf die Leinwände und gleich auch in die Top 5 an den US-Kinokassen zu bringen.
Offenbar mögen die Amerikaner unsere europäischen Ideen. Was sie nicht mögen, ist die Tatsache, dass sie von uns sind.
DerKoberg (Harald Koberg)
|