12. Februar 2006, 23:58
Berlinale 2006

Berlinale Tag 4

Über das „Volk hier“, den Zeitvorsprung und bekannte Gesichter.
Berlinale Palast - Potsdamer Platz. Es ist Abend, die Premiere fängt schon in wenigen Minuten an, die Stars haben alle ihre edlen Füße über den roten Teppich bewegt und die ersten Fans und Journalisten machen sich bereits auf den Heimweg bzw. zum nächsten Termin. Eine Art Schichtwechsel ist im Gange, die einen gehen, einige sind noch am Ankommen zur Premiere. So auch ein etwas älterer Mann, der sich hektisch in Richtung Eingang vorkämpft, seine Eintrittskarte in der einen Hand, den Journalistenausweis am Bande um den Hals gehängt, seinen Mantel über den anderen Arm geworfen. Er tut sich schwer, zwischen den vielen Menschen durchzukommen und spät dran ist er obendrein. Schließlich reißt ihm die Geduld und er ruft: „Was will denn dieses ganze Volk hier??!!“ Wütend schnaubend, steht er schließlich vor der Eingangstüre, wo ihn ein Sicherheitsbeamter aufhält, um seine Karte zu kontrollieren. Harald und ich tauschen amüsierte Blicke aus. Dieses „Volk“, lieber aufbrausender „Kollege“, ist der Grund, warum es so etwas wie ein Filmfestival überhaupt gibt! Menschen, die die Welt des Filmes, der Bilder, die vor etwas mehr aus 100 Jahren laufen gelernt haben, so sehr lieben, dass sie sich ganze 10 Tage lang einen Film nach dem anderen ansehen bzw. für die Chance, einen ihrer Lieblingsstars ein wenig näher als sonst und vor allem „in natura“ sehen zu können, stundenlang in den Schneeregen stellen ohne zu murren und ohne über die anderen zu lästern, die dann im entscheidenden Moment die Sicht verstellen. Für das Publikum werden Filme überhaupt erst gemacht und es ist auch das Publikum, das dankbar ist für solche Leute wie uns, die ihnen die Infos zur Verfügung stellen und die eine oder andere Entscheidung leichter machen, ob sie sich einen Film ansehen oder nicht.

Würden Filme nur für die Presse gemacht, dann gäbe es auch das Filmfestival nur für sie, was allerdings auch die Nebenwirkung hätte, dass es noch weniger Vorführungen gäbe, als es ohnehin schon sind. Wer so wie wir kein großes Team am Festival zu den einzelnen Terminen schicken kann, hetzt von einem Termin zum nächsten, nicht selten, um dann fest zu stellen, dass es besser gewesen wäre, noch eine halbe Stunde früher da zu sein, denn die anderen haben wieder den besseren Platz ergattert und können die besseren Fotos machen.

Dafür stellt sich am vierten Tag hier schon so etwas wie ein Gefühl des „Zuhauseseins“ ein. Egal, ob Michael am Aufgang zum Pressefoyer, Franzi(ska) bei der Absperrung zum Photo-Call oder Kathrin beim Kartenvorverkauf, sie alle arbeiten so wie wir tagtäglich auf der Berlinale und sorgen für einen möglichst reibungslosen Ablauf und für eine saubere Trennung jener, die Zutritt haben und jener, die draußen bleiben müssen. Smalltalk von gestern setzt sich heute fort, das gestern vergessene Batteriepack eines Fotografen hat heute seinen Besitzer gefunden, gab es gestern keine Pressekarten mehr für UNCUT, findet sich heute nach einem netten Gespräch doch noch eine letzte Karte für „Der Kick“. Mein Motto „Never give up - never surrender“ aus Galaxy Quest, funktioniert als Eisbrecher.

Im Konferenzraum stellen sich die Stars von „A Prairie Home Companion“ der Presse. Meryl Streep und Woody Harrelson sind bereits alte Hasen und benehmen sich dem entsprechend gelöst, auch Robert Altman ist trotz oder gerade wegen seines Alters zum Scherzen aufgelegt. Und das, obwohl ihm das Studio als „Versicherung“ einen „Reserveregisseur“ (P.T. Anderson) zur Seite gestellt hat, weil Robert Altman für die Finanzchefs bereits zu „Alt“ war, dass sie sich drüber getraut hätten. Den Sager des Tages liefert Meryl Streep, als sie die Aufforderung eines Journalisten, ob sie nicht mit ihren Kollegen ein Ständchen singen könnte, denn sie hätten ja ihr Können im Film beeindruckend unter Beweis gestellt, ablehnt: „Well, that's what actors can't do: entertain.“ Lindsay Lohan überrascht mit ihrer rauhen Stimme, die verdächtig nach Whisky und Zigaretten klingt.

Ein Tag geht zu Ende. Für morgen stehen u.a. Nathalie Portman und Hugo Weaving, sowie Ewan McGregor und Marc Forster auf dem Konferenzprogramm. Ich freu mich schon.
Der Autor
DSC00041
Harry.Potter
Dr. Markus Löhnert
Mehr dazu auf Uncut:
A Prairie Home Companion - Der Kick

Forum

  [ neuer Eintrag ]
  • ich vermisse das spezielle Uncut feeling

    Jungs dort drüben in Berlin, wasn los mit Euch - ich vermisse dieses spezielle Uncut feeling - diesen kleinen aber feinen Unterschiede zwischen Uncut und dem Rest der Welt - diesen Hauch der Einzigartigkeit, den sich Uncut mit seinen kreativen Specials in den letzten jahren erarbeitet hat.

    Es kann ja nicht sein, dass die Uncut Berlinale Berichterstattung es nicht schafft sich von den Frido Hütter Kleine Zeitung stories puncto Einzigartigeit abzuheben...

    Harry: wo sind deine digi shoots - wo ist Clooney mit der von harry.Potter signierten Uncut greeting card in der Hand - oder wo ist wenigstens Glawogger mit seinem speziellen Oscar Tipps als offiziellen Startschuss zum Unut Oscar Lotto...?

    Ich halte Euch die Stange - und warte schon sehnlichst auf die nächsten Updates...

    Ciao
    Jürgen
    defaultbild
    13.02.2006, 16:00 Uhr
    • Wir wollen Fotos!

      Harry Potters Reportagen sind super - aber mit Fotos wären sie perfekt!

      - denn, Bilder sagen mehr als Worte!

      HilleMax
      13.02.2006, 18:07 Uhr
    • Fotos

      Zu Tag 1 sind die Fotos schon online. Die weiteren Bilder folgen as soon as possible.
      uncut
      13.02.2006, 20:32 Uhr